RÜCKBLICK: SELBER THW-TEAM
KÄMPFTE IN KATASTROPHENGEBIETEN AN DER ELBE UND FLÖHA GEGEN DIE WASSERMASSEN______
Blaue Engel pumpten Akkord -
Tag und Nacht
Genau zehn
Männer und eine Frau machten sich mit Hochleistungspumpen und LKW nach Sachsen
auf, um den Opfern zu helfen
SELB - Weinende
Menschen, die ihr Hab und Gut den Fluten überlassen mussten, zerstörte Häuser,
vernichtete Ernten, Existenzen, die dem Erdboden durch die Hochwasserkatastrophe
gleichgemacht wurden: Die Liste der erschütternden Bilder, die noch immer
tagtäglich über den Fernsehbildschirm flimmern, gehen sicher an niemandem
spurlos vorbei. Die einen spenden Geld, die anderen Kleidung und Soforthilfe-Pakete.
Und wieder andere fahren direkt in die betroffenen Gebiete, um die eigene
Muskelkraft beim Sandsack schleppen und Schlamm schippen einzusetzen.
All diese
freiwilligen Solidaritätsbeweise sind derzeit bitter nötig, keine Spende zu
klein oder zu groß. Doch wird vor allem professionelle Hilfe, spezielles Gerät
und entsprechendes Know-How benötigt. Und da kommt der Ortsverband Selb des
Technischen Hilfswerkes ins Spiel.
Am Donnerstag
abend traf sich das starke Team rund um Ortsbeauftragten Udo Winkler zu einem
Gespräch mit unserer Zeitung. Wer erwartet, dass die durchweg junge und
engagierte Truppe von dramatischen Begegebenheiten zu berichten hat, wird
enttäuscht. Und die Sensationslust auch. Denn, so Zugführer Uwe Prucker, ,,so
ein Einsatz ist für die Helfer selbst nicht so dramatisch, sondern die pure
Schufterei.''
Geschuftet haben
sie: Natja Schiener, Alexander Grimm, Jürgen Fischer, Bernhard Reinel, Andreas
Reinel, Lars Schreiber, Matthias Voh und Uwe Kernchen. Als sie am Freitag, 16.
August, am frühen Nachmittag den Anruf ihres Ortsbeauftragten Uwe Winkler
entgegennahmen, wussten sie eigentlich schon, warum er sich meldete. Seit dem
Beginn der Hochwasserkatastrophe rechneten die Mitglieder des Selber THW
irgendwann selbst zu denjenigen zu gehören, die dort anpacken, wo es am
nötigsten ist.
Die
THW-Geschäftsstelle Hof hatte Udo Winkler darüber informiert, dass in Dresden
dringend die Hilfe des Selber THW benötigt werde. Am Sonntag sollten sie ihre
Kollegen des Ortsverbandes Naila ablösen. Für die sieben Männer und eine Frau
hieß es also: Zusammenpacken und mit dem Lkw und Unimog Richtung Dresden. Der
erste Eindruck der Elbmetropole am Nachmittag, gegen 16 Uhr: Sonnig und heiß.
Nur kein Wasser. ,,Die Straßen waren ja weitestgehend schon wieder vom Wasser
befreit. Nur in den Außengebieten waren noch weite überschwemmte Gebiete zu
sehen. Auch am Zwinger stand noch Wasser'', erinnert sich die einzige Frau und
Truppführerin Natja Schiener.
Zuallererst
meldete sich die achtköpfige Gruppe aus Selb beim Nailer Zugführer, seine
Mannschaft sollte sie ja ablösen. In der Dresdner Telekom-Niederlassung bezogen
die Selber nicht nur Quartier auf Feldbetten. Im Auspumpen des riesigen Kellers
bestand auch ihre erste Aufgabe. Dafür wurden sie natürlich in die Arbeit an
einer Hochleistungspumpe des Nailaer THW eingewiesen, denn die Nailaer sind mit
einer Fachgruppe speziell auf Wasserschäden vorbereitet.
Wenige Stunden
später, am Montag morgen um 1 Uhr hieß es dann alle zwei Stunden abwechselnd zu
zweit Schicht an der Pumpe schieben, während die anderen sich ein Nickerchen
gönnten. Um sieben mussten dann jedoch alle wieder aus den Federn: Frühstück.
Danach kam erst einmal lange nichts, erzählt Gruppenführer Alexander Grimm.
,,In ganz Dresden wurden die Pumparbeiten eingestellt, denn der
Grundwasserspiegel sank weiterhin nicht ab.''
Bau-Experte Uwe
Prucker dazu: ,,Wenn der Grundwasserspiegel nicht sinkt, besteht die Gefahr,
dass die Häuser zu ,schwimmen' beginnen. Die Keller müssen also voll Wasser
bleiben, um als Gegengewicht zu wirken.''
Während die acht
Selber in Dresden kurz verschnaufen konnten, bereiteten sich ihre THW-Kollegen
Klaus Prucker und Klaus Leupold schon auf ihren Einsatz im Hochwassergebiet
vor. Sie sollten am Tag darauf, also Dienstag, in Flöha mit zwei Lkw- Kippern
den betroffenen Menschen beim Aufräumen unter die Arme greifen.
Gegen 15 Uhr an
diesem Montagnachmittag kam überraschend ein neuer Einsatzbefehl für die acht
THWler: Sie sollten die Straßen eines Wohngebietes im Westen von Dresden -
Cossebaude - vom Schmutzwasser befreien, denn das stand zeitweise bis ins erste
Geschoss der Häuser. Da die Wohnsiedlung mit etlichen Plattenbauten in einer
Art Mulde lag, konnte dort das Wasser nicht mehr abfließen. Mit zwei
sogenannten Hannibalpumpen zogen die Selber und Helfer des Ortsverbandes Dachau
gegen die Flut erfolgreich ins Feld. Genau da passierte eines dieser Dinge, die
sich nie vorhersehen lassen. Alexander Grimm fuhr einen Notarzt mit dem Lkw zu
einem Patienten, der dort möglichst trockenen Fußes in den Lkw verfrachtet
werden sollte. Leider stellte sich schnell heraus, dass die als Parkplatz
gedachte Wiese eher einem Sumpfgebiet glich. Der Lkw steckte fest.
,,Wir ließen den
Lkw erst einmal stehen. Klauen konnte den ja so schnell keiner'', erzählt
Alexander Grimm von dem Vorfall, über den heute alle nur lachen können. Da
zeitgleich ein neuer Einsatzort, eine total überschwemmte Kläranlage mit Pumpen
angefahren werden musste, gelang die Bergung erst vier Stunden später.
Über 24 Stunden
waren die Pumpen an diesem Tag im Einsatz, doch die Mühe hat sich gelohnt.
Schnell hatte sich die Situation in dem überschwemmten Wohngebiet gebessert und
die Straßen waren wieder frei.
Nach einer Nacht
in einer für die Umstände geradezu luxuriös anmutenden Grundschule hieß es am
nächsten Morgen wieder mit Sack und Pack zum nächsten Einsatzort: Elbepark.
Hier war das Gelände nach einem Deichbruch hoffnungslos überschwemmt. Mit zwei
Hochleistungspumpen, drei Tauchpumpen und zirka drei Kilometern Schlauch wurde
im Akkord das Wasser gesammelt und dann zurück in die Elbe gepumpt.
Klaus Leupold
erzählt von seinem und Klaus Pruckers Einsatz in Flöha: ,,Dort sah es aus, wie
auf einer riesigen Sperrmüllhalde.'' Und richtig gestunken habe es dort auch:
,,Wie eine Mischung aus Kläranlage und Mülldeponie. Aus den Haufen kamen auch
schon die Ratten.'' Die beiden Männer waren damit beschäftigt, genau diese
unzähligen Tonnen Müll und Unrat zu schaufeln, zu sammeln und wegzubringen. Ein
Knochenjob. Doch Klaus Prucker relativiert: ,,Blaue Engel haben uns die
Betroffenen genannt. Es war für sie eine Wohltat zu sehen, dass wir ihnen
helfen und mit zupacken.'' Erleichterung und großen Dank der Menschen hätten er
und Klaus Leupold sehr oft erlebt.
Auch Natja
Schiener und Alexander Grimm erinnern sich an Momente, die ihnen die Arbeit
leichter machten: ,,Eine Frau kam vorbei und spendierte uns einen Apfelkuchen.
Ein Biergartenbesitzer, den wir mit unserem Notstromaggregat unterstützt
hatten, stellte Schnitzelsemmeln und Getränke zur Verfügung.'' Immer wieder
seien Menschen auf sie zugekommen, hätten ihnen ihren Dank ausgesprochen und
sie mit Essen, Trinken und Waschgelegenheiten unterstützt. Auch die gemeinsame
Arbeit mit den verschiedensten Organisationen habe wunderbar geklappt.
Auf die Frage, ob
denn bleibende Schäden geblieben seien, meint Ortsbeauftragter Udo Winkler:
,,Ich bin nur froh, dass alle wieder gesund wieder gekommen sind.
Materialschäden sind unerheblich. Die gute Ausbildung der jungen Helfer hat
sich bei diesem außergewöhnlichen Einsatz durchaus bewährt.''
Natja Schiener bringt den Grundgedanken des THW auf den
Punkt: ,,Es ist unsere Aufgabe zu helfen. Da drückt sich niemand. Wer nicht
helfen will, der ist bei uns fehl am Platz.'' Nachfrage: ,,Habt ihr nicht
manchmal das Gefühl gehabt, dass euer Einsatz ein Kampf ohne Aussicht ist? Eine
Art Tropfen auf dem heißen Stein? ,,Nein'', meint Natja Schiener überzeugt,
,,denn viele Tropfen kühlen den Stein.''
Text: Cathrin
Conradi
Fotos: THW Selb
Frankenpost, 31.08.2002